Das große A B C der Gipsfigur

 

"Alt Elfenbein", "Elfenbeinmasse", "Steinmasse" oder "Hartguss" waren Synonyme der Gipsfabrikanten für den Begriff “Gips”. Da seit dem gehäuften Aufkommen von Gipsfiguren das Material dafür durch die Amtskirche und so genannte "Kunstvereine" beständig heftiger Kritik ausgesetzt und nicht zuletzt deshalb allgemein als minderwertig und vergänglich angesehen war, versuchte man mit diesen Synonymen die Verwendung des Gipses zu verschleiern, die Produkte in den Werbetexten als solide und langlebig erscheinen zu lassen.

 

Antik. Als "antik" bezeichnet man ausschließlich Krippenfiguren aus Gips, welche nachweislich v o r 1945 gefertigt worden sind. Dem Irrglauben folgend, dass besonders alte Figuren allein deshalb auch besonders wertvoll seien, werden viele Besitzer dazu verleitet, völlig aus der Luft gegriffene Datierungen anzugeben.

 

"Antik hochfein" bezeichnet die feinste, beste, Ausführung der Polychromie von Gipsfiguren. Bis in die späten 1930er Jahre hinein, war diese aufwändige Ausführung der Bemalung der Standard für Ware aus Deutschland. Typisch für Figuren der Ausführung "antik hochfein" sind die Nutzung satter, gedeckter Töne, welche differenziert aufgetragen werden, traditionelle Farbzuschreibungen bei den einzelnen Figuren, Goldbordüren und -applikationen an / auf den Gewändern und reichlich Patina. Abstufungen sind die Ausführungen "antik" (weniger und einfachere Goldapplikationen), "bunt bemalt" (abgesehen von Kronen, Geschenken und Fransen der Satteldecke des Kamels keine Goldapplikationen, Verwendung einfacher Farbtöne, wenig / keine Patina), "gebeizt" (einheitlicher Farbton, häufig Naturholz- oder Terracottatöne imitierend bzw. andeutend, unpatiniert). Nach dem 2. Weltkrieg wurden diese zum Teil komplexen Ausführungen, nach und nach durch eine immer weiter vereinfachte Colorierung mit Sprühpistolen ersetzt. Dieses war vor allem dem Fachkräftemangel, der rationelleren Produktion und der Kostenoptimierung geschuldet. Zumindest anfänglich wurden aber die Feinheiten der Gesichter und Goldapplikationen noch mit dem Pinsel aufgetragen, sowie Haare, Bärte und Sockel differenziert mit Pinseln abgestrichen. Neben diesen üblichen Ausführungen der Polychromie wurden, meist temporär, auch noch weitere angeboten, darunter unbemaltes Porzellan imitierende, zuweilen mit herkömmlich gestalteten Gesichtern und Hautpartien.

 

Bachlechner, Josef, der Ältere (28.10.1871 - 17.10.1923) war ein aus Brunek / Südtirol stammender Bildhauer und Zeichner. Sein Material war Holz, sein Oeuvre in der Sakralkunst angesiedelt. Von Bachlechner sind viele geschnitzte, neogotische Figuren in Kirchen der Alpenländer zu finden. Berühmt aber ist der Künstler als Zeichner naiv anmutenter Bildchen rund um Christi Geburt, die über Jahrzehnte hinweg beliebte Motive auf Postkarten- Editionen sowie Ausschneidebögen für Papierkrippen waren. Aufgrund dieser herzigen, wie lieblichen Werke, die er zahlreich hinterließ, erwarb sich Bachlechner den Beinamen vom "Künstler der Weihnacht". Den Motiven seiner Papierkrippen sind auch die Gipsfiguren der "Bachlechner Krippe" (siehe Kaleisdoskop) nachempfunden, welche sich regen Zuspruchs bei der Käuferschaft erfreute. Diese Figuren wurden zunächst in Gips und später sogar noch aus Kunstharz gefertigt. Die geschnitzten Krippenfiguren des Meisters dienten hingegen erst in jüngerer Zeit als Vorlage für eine in China aus Polyresin gefertigte Bachlechner Krippe. Diese wurde in mehrere Figurensets aufgeteilt angeboten. Inzwischen ist die Produktion aber wieder ausgelaufen.

 

Berkalith, ein Gießharz welches zunächst als Leim in der Dynamit- Industrie verwendet wurde. Die Firma Dynamit AG Troisdorf belieferte die Figurengießereien fässerweise mit diesem Werkstoff, nachdem der eigentliche Leim von Fritz Wulfert als Rohstoff zum Figurengießen entdeckt und von Franz- Hermann Bercker als solcher etabliert worden war. Das flüssige Kunstharz verrührte man nur noch mit einem Härter und gab es anschließend in die vom Gipsguss bekannten Mantelformen. Die Härtung der Figuren musste über einige Stunden hinweg im Ofen erfolgen, da Berkalith ein warmhärtendes Kunstharz ist. Inzwischen wird Berkalith nicht mehr für Figuren verwendet, da der einzige Lieferant dafür auf den Werkstoff Polyurethan umgestellt hat. Dieses Harz ist kalthärtend und kann nicht in den üblichen Mantelfpormen verarbeitet werden, so dass die Figuren heute mittels Silikonformen entstehen. 

 

Besatzungszonen. Auf Gipsfiguren, welche nach dem 2. Weltkrieg hergestellt wurden, findet man neben der Marke und eventuellen Hinweisen auf das Urheberrecht, zuweilen auch Angaben zur Handelszone. Nach dem 2. Weltkrieg war Deutschland von den 4 Siegermächten in Verwaltungszonen aufgeteilt worden, die den jeweiligen Nationen unterstellt waren. Das Besatzungsrecht verlangte für Waren, die in Deutschland hergestellt wurden, die Ausweisung dieser Besatzungszone. So findet man auf Krippenfiguren zuweilen unter dem Sockel entsprechende Stempel mit "Brit(ish) Zone" oder "US Zone". Kevelaer als Hauptstandort der Gipsfigurenindustrie am Niederrhein, lag in britisch verwaltetem Gebiet. Die Hersteller von Maschéefiguren wie Friedel und Schneider hingegen, lagen in us- amerikanisch unterstelltem Gebiet. Immer wieder wird behauptet, dass die Besatzungszeit nach Gründung der Bundesrepubik Deutschland 1949 endete, was zu vielen Falschdatierungen von Gipsfiguren in Internetauktionen führt. Die Besatzungszeit endete offiziell in Deutschland nämlich erst 1955. Meist betroffen von solchen Falschdatierungen sind die Figuren der Marke HvM. Hier wird aufgrund des Verweises auf die Britische Zone, meist in die späten 1940er datiert, obwohl der Betrieb erst zu Beginn der 1950er gegründet wurde. Die wahre Dauer der Besatzung bis 1955 schließt diese Figuren in der zeitlichen Eingrenzung also korrekt ein.  

 

Christuskörper oder nur „Körper“ wurden die Figuren des Gekreuzigten genannt. Neben der Fabrikation von Heiligen- und Krippenfiguren gehörte die von Kreuzen samt Körper zu einem weiteren wichtigen Standbein der Branche.

 

Devotionalien sind Gegenstände wie Heiligenbilder, -figuren, Kruzifixe, Ikonen und Hilfsmittel wie Rosekränze, Medaillen, Anhänger, Weihwasserkessel usw., welche der Andachtsvertiefung und Ausübung frommer Tätigkeiten / Rituale dienen. Als Überbegriff für eine ganze Branche, die "sämtliche religiösen Artikel" zu liefern im Stande war, hielt die Devotionalienindustrie darüber hinaus auch Krippen/-figuren, Leuchter, verzierte Kerzen, Gesang- und Gebetbücher, Kommunionandenken sowie Vieles andere in ihren Sortimenten bereit. Krippen- und Heiligenfiguren aus Gips zählten über Jahrzehnte zu den meist produzierten und abgesetzten Artikeln der ganzen Branche.

 

Dürer Krippe: Dürer Krippen sind so genannte Stilkrippen in diesem Fall nach Vorbildern in der bildenden Kunst geschaffen. Der Renaissance Maler Albrecht Dürer (21.05.1471 bis 06.04.1528) hat sich in vielen seiner Werke mit dem Leben Jesu Christi auseinandergesetzt. Besonders der Weihnachtsgeschichte hat Dürer etliche Zeichnungen und Studien aber auch ein paar seiner Hauptwerke gewidmet. Die von Dürer gestalteten Personen nahmen sich die Modelleure zum Vorbild, womit die "Dürer Krippe" geboren war. Dürer Krippen  weisen somit eine Reihe Charakteristika auf, die im Folgenden erläutert werden: Maria, Josef und die Hirten sind im Stile mittelalterlicher Bauern und Handwerker gekleidet. Die kniende Jungfrau hält die Arme hoch über der Brust verschränkt, trägt einen weißen Schleier zu einem dunkelblauen Gewand. Der mal stehende, mal kniende Josef ist mal mit Stab und oder sechseckiger Laterne sowie auch gänzlich ohne diese Attribute dargestellt. Die Anleihen für das hl. Paar stammen aus dem Werk "Geburt Christi", das den Mittelteil des Paumgartner Altars bildet und nach 1503 fertiggestellt wurde. Die drei Könige wurden diesen auf dem Werk "Anbetung der Könige" gezeigten, welches für die Schlosskirche Wittenberg 1504 vollendet wurde, nachempfunden. Dürer zeigt die Weisen, ausstaffiert mit den  Attributen weltlicher Herrscher des Mittelalters, als jungendlichen Mohren (Caspar), reifen Mann (Balthasar) und Greis (Melchior). Der Balthasar wird als Selbstbildnis Dürers gedeutet, mit langem Haar und Vollbart, geschmückt mit (Bürgermeister)kette und Rubinmedaillon, ein befedertes Samtkäppi in der linken, sowie einen goldenen, keulenartig gestalteten, mächigen Ananaspokal in der Rechten mit sich führend. Er trägt ein smaragdgrünes Gewand mit reich besticktem  Überwurf, dessen Saum mit Goldquasten versehen ist. Caspar erscheint in roten Strumpfhosen und nachtblauem Poncho mit Federhut, weißen Handschuhen und einem ebenfalls unverwechselbar gestalteten, kugelförmigen Myrrhegefäß. Melchior der Greis, ist vor dem Kinde niedergefallen, hat seine Krone abgelegt und überreicht  purpur bemantelt dem Jesusknaben die Goldschatulle. Vorne rechts der Anbetungsszene ist ein hellhäutiger Vasall zu sehen, dessen Kopf mit Turban und Fez bedeckt ist und der einen Futtersack mit sich führt. Diese Person wurde als Vorlage für den Treiber in Dürer Krippen hergenommen. Im tieferen rechten Hintergrund ist das Gefolge der Könige, bestehend aus Pagen und Reitpferden, als die sogenannte "Reiterei" auszumachen. Die Reiterei ist der Grund dafür, warum in stilstringenten Dürer Krippen anstatt eines Kamels ein Schimmel als Reittier der Könige vertreten ist. Da die beiden Gemälde Dürers keine Hirten im klassischen Sinne zeigen, wurden diese nach Personen aus dem Hintergrund von "Geburt Christi" als Vorlage gestaltet. Als typische Dürer Hirten dürfen ein Dudelsackpfeifer, ein kniender Hirt sowie ein Bauer mit Horn und rundlich geformten Hut angesehen werden. Immer mal wieder findet man auch einen Hirten, der ein Lamm unter einem Arm "geklemmt" hält, das halb vom Umhang des Trägers verdeckt wird- ein Modell, das ob seiner Häufigkeit ebenso als typisch angesehen werden darf. Eine weitere typische Dürer Figur ist häufig der Gloriaengel. Auf "Geburt Christi" ist im Hintergrund am Himmel, ein recht dynamischer Engel zu sehen, welcher tatsächlich "in vollem Flug" zu sein und nicht wie in anderen Darstellungen üblich über dem Stall auf der Stelle zu schweben scheint. Besonders vorlagengetreue Umsetzungen der Dürer Motive sind den Betrieben der Marken SH und DKH gelungen. Nachdem nun die Dürer Krippe am Markt etabliert und erfolgreich von der Käuferschaft angenommen worden war, hatte bald darauf jeder Anbieter eine Dürer Krippe im Sortiment. Damit diese Krippen sich nicht glichen wie ein Ei dem anderen, legte man das Dürer Thema bald freier aus, um die Sortimente unterscheidbar zu halten- ein paar wenige wesentliche Stilelemente sind dabei aber immer erhalten geblieben. Die freie Auslegung führte dazu, dass Könige Pluderhosen trugen, riesige Ferderhüte nach Vorbild der Musketiere aufgezogen bekamen, Stadtschlüssel, Geldtaschen sowie andere Insignien der Mächtigen oder Edelmänner mit sich führten und der Phantasie im Bezug auf die Gestaltung der Gewandung keine Grenzen gesetzt schienen. Hier verraten dann lediglich noch kleine erhalten gebliebene Details die eigentliche Provinience der Entwürfe. Eines aber hat sich niemand getraut nachzubilden: Auf "Anbetung der Könige" scheint der Jesusknabe dem ihn anbetenden Melchior die Goldschatulle geradezu entreißen zu wollen, so fest klammert er sich an diese. Dürer drückte damit aus, dass die Macht über die Welt, für welche die Gabe "Gold" steht, in diesem Augenblick aus weltlicher Herrschaft auf die göttliche übergeht. Ganz schlicht betrachtet aber, hätte man dem Kind das Ganze auch als Gier auslegen können. Die in den Seelen der Bevölkerung tief verwuzelte Volksfrömmigkeit hätte derartiges jedoch niemals akzeptiert. So wurde aus der Vorsicht heraus, keine potentiellen Kunden abschrecken zu wollen, das Machtübergabemotiv in Dürer Krippen einfach übergangen. 

 

"Eigentum" (abgekürzt: E.), "depose" (abgekürzt: dep.) oder "gesetzlich geschützt" (abgekürzt: ges. gesch. oder g.g.): Diese zusätzlichen Angaben, meist im Zusammenhang mit der Marke gemacht, weisen darauf hin, dass die Modelle von welchen die jeweilige Figur gegossen wurden, zum Patent angemeldet waren. Die Patentlegung war für alle neuen Modelle gesetzlich vorgeschrieben. Das Patent berechtigte allein dessen Inhaber zur Nutzung seiner Modelle. Hätte jemand patentierte Modelle widerrechtlich genutzt, hätte dieser Vorgang angezeigt und jurstisch verfolgt werden können. Die Anbieter verkauften zuweilen die Patenrechte an Modellen untereinander. Zudem wurden Patente durch Betriebsaufgaben usw. frei, so dass sich die Gelegenheit für Interessenten ergab, solche Modelle legal zu übernehmen.

 

Entstehung einer Gipsfigur. Auch wenn es Gipsfiguren in allen erdenklichen Ausformungen, Größen und Ausführungen gab, so sind für jede einzelne von ihnen, eine ganze Reihe von immer gleichen Arbeitsschritten nötig, die je nach Art der Figur, angepasst ausgeführt werden müssen. Am Anfang steht immer der Modellentwurf.

 

1. Das Modell

Ein Modell ist die Vorlage zum Gießen von Gipsfiguren. Es handelt sich um exakt die Figur, welche später im Gießverfahren vervielfältigt werden soll. Das Modell dient zum Herstellen der Gießformen und bleibt als solches unverändert in Gebrauch- so lange Figuren davon am Markt angeboten werden sollen. Die Modelle waren der wahre Schatz, die essentiellen Betriebsmittel der Gipsfigurenbarone, da sie für alle Produkte die Grundlage darstellten, weshalb alle Modelle zum Patent angemeldet wurden. Der Bezug von Modellen wandelte sich im Laufe der Zeit. Waren es zu Beginn der Gipsfigurenindustrie freie Künstler, meist Bildhauer und Schnitzer, welche mit dem Erstellen von Modellen beauftragt wurden, so bildete die Branche später spezielle Modelleure aus. Modelle werden aus unvergänglichen Materialien wie Holz, Ton oder Holz gefertigt, damit sie der hohen Beanspruchung lange standhalten können. Im Übrigen waren Modelle für Gipskrippenfiguren nicht immer nur Neuentwürfe. Viele Modelleure wandelten zuweilen bereits vorhandene Modelle auch einfach nur phantasievoll ab.

2. Die Form

Für die Form wird anfänglich immer der Mantel erstellt. Dieser besteht aus zwei gleich großen Schalen, die durch eine Spange zusammengehalten werden. Darüber hinaus verfügt der Mantel über Einfüllöffungen. Der zweiteilige Mantel war meistens aus Gips gefertigt und hatte in geschlossenem Zustand von außen eine runde oder ovale Form. In eine Hälfte des Mantels wird das Modell "schwebend" eingesetzt, d . h. von vier Metallstäben gehalten, ohne den Mantel zu berühren. In den geschlossenen Mantel gießt man technische Gelatine. Nach deren Erstarren wird der Mantel geöffnet und das Modell entnommen. Im Ergebnis beherbergt jede Mantelhälfte nun eine Formenhälfte. Solche Formen konnten ca. zehn Male zum Gießen verwendet werden. Danach war die Kontur in der Gelatine derart abgenutzt, dass eine neue Form erstellt werden musste. Ein unbeschädigter Mantel hingegen konnte über mehrere Zyklen Verwendung finden. Das Erstellen der Formen, evtl. Ausbessern von Modellen, sowie das Gießen fielen in den Aufgabenbereich des so genannten Figuristen, ehemals ein echter Lehrberuf.

3. Das Gießen

Für den Guss wird zunächst die Gelatine, die nun als Matritze dient, eingefettet und die passgenau geschlossene Form hernach mit flüssigem Gips befüllt. Zur Verhinderung allzu reichlicher Luftblasenbildung in der Gießmasse, wird die Form gleichmäßig beschickt und leicht bewegt, solange der Gips flüssig ist. Hat der Gips abgebunden, wird der Rohling entnommen. Größere Figuren/-teile wurden in Öfen getrocknet, kleinere Formate härteten "an der Luft" aus. Völlig trocken, behandelte man die Rohlinge mit einer Leimlösche, um die Oberfläche weiter zu härten und für die Bemalung vorzubereiten. Für den eigentlichen Gießvorgang wurden häufig angelernte Kräfte, "Gießer", eingestellt, die die Figuristen entlasteten.

4. Das Putzen

Bevor die Rohlinge polychromiert werden konnten, mussten sie überarbeitet werden. Dort wo die Formenteile aufeinanderliegen, bilden sich meist Gießnähte aus hauchdünn überstehendem Material. Diese Nähte werden mit Messern entlang der Kontur vorsichtig entfernt. Darüber hinaus kommt es zu kleineren Ausbesserungen, etwa das Zuschmieren von Luftblasen oder Ergänzungen von nicht optimal ausgegossenen Konturen. War der Rohling zu aufwändig zu putzen, wurde er entweder verworfen oder für B- Ware verwendet. Das Putzen fällt ebenfalls in den Verantwortungsbereich des Figuristen, wurde in der Praxis aber von angelernten Kräften, meist in Heimarbeit, ausgeführt.

5. Die Polychromie

Der gehärtete und geputzte Rohling verläßt die Gießerei und gelangt in die Polychromie, hochtrabend auch als "Atelier" bezeichnet. Aber die Industrie schmückte sich ja für alles und jedes gerne mit Begriffen aus der Hochkunst. Zunächst wird die Figur grundiert, schließlich gefasst, dekoriert, final patiniert und die frische Bemalung mit Lacken konserviert. An dieser Stelle übernimmt der Polychromeur, welcher ebenfalls eine vollständige Handwerksausbildung genossen hatte. Für die Grundierung sowie die nachbereitenden Arbeitsschritte, kamen wiederum auch angelernte Kräfte aber auch Lehrlinge zum Einsatz, die aufbauend an ihre künftigen Aufgaben herangeführt wurden.

 

Nach dem 2. Weltkrieg verschwanden die speziell an die Bedürfnisse der Gipsfigurenindustrie angepassten Berufe, schnell aus der Handwerksrolle, da die stark geschrumpfte Branche, kaum mehr Nachwuchs benötigte und kaum Zukunft zu haben schien. Die meisten Betriebe waren jetzt so klein, dass sie als Familienunternehmen mit Unterstützung von Aushilfen, geführt werden konnten. Im Bereich der Polychromie machte sich der baldige Fachkräftemangel jedoch schnell bemerkbar. So etablierte sich hier die Bemalung im Airbrush Verfahren, welches auch von gut angelernten Kräften sauber ausgeführt kann. Die verbliebenen "alten" Polychromeure übernamen dann die Feinheiten, welche weiterin mit dem Pinsel angelegt werden mussten. Im Zuge dieser Veränderungen, sank die Qualität der Polychromie beständig, was sich am Erscheinungsbild der Gipsfiguren aus den 1950er / 1960er Jahre im Vergleich zu jenen aus Vorkriegstagen gut nachverfolgen lässt. Gleiches gilt für die Kunstharzfiguren ab ca. Mitte der 1950er Jahre, welche zunächst sehr kunstvoll polychromiert, optisch den Holzfiguren in nichts nachstanden und mit der Zeit zuletzt, als einfach "bunt bemalt" sehr banal daher kamen.  

 

 

Figurist: Hierbei handelt es sich um die Bezeichnung für einen Handwerksberuf. Der Figurist war darin geschult, Formen von den Modellen zu nehmen und Figuren jeglicher Art und Größe zu gießen. Ob ihrer Größe wurden etliche Stücke in Einzelteilen gegossen und erst nach deren Erhärten aus diesen zusammengesetzt. Auch das korrekte Einlegen der Verstärkungsdrähte in die Formen, war Aufgabe des Figuristen, ebenso beherrschte er den Umgang mit den zum Teil recht kompliziert aufgebauten Formen. Insgesamt sorgte er dafür, dass die Rohlinge alle nötigen Produktionsschritte durchlaufen hatten und damit für die Polychromie bereit waren.

 

Gips = Kalziumsulfat ist ein pulverförmiger Baustoff, der durch Zugabe von Wasser zunächst zu einer geschmeidigen, be- und verarbeitbaren, breiigen Masse wird und letztlich hart austrocknet. Als Material für Figuren war er beliebt, weil billig zu beschaffen und leicht verarbeitbar. Mittels entsprechender Formen konnten aus Gips auf einfachem Wege Dinge geschaffen werden, die einen hochkünstlerischen Eindruck machten. Zwar scheint das erhärtete Material fest und belastbar, ist aber doch spröde und damit leicht zerbrechlich.


Hanenberg, Gabriele: Inhaberin einer Devotionalienhandlung in Kevelaer auf deren Betreiben hin für ein paar Jahre wieder Gipsfiguren hergestellt wurden. Inzwischen ist die Produktion aber wieder ausgelaufen. Bei den angebotenen Sätzen handelte es sich um der Größe nach zusammensortierte Sammelsurien über viele verschiedene Urheber hinweg. So finden sich in einem 20er Satz neben Figuren von Schmidt & Heckner solche von Franchi und anderen. Zudem lässt die Polychromie arg zu wünschen übrig, sie ist vom hohen Standart der originalen Hersteller weit entfernt. Letztlich war der Preis grotesk überzogen.

 

Holtmann, Jacob war ein Kevelaerer Bildhauer, der von 1863 bis 1935 lebte. Er schuf und hinterließ zahlreiche Werke aus Holz- vor allem im sakralen Bereich. Ab 1914 bis zu seinem Tode lebte und wirkte er in Osnabrück und dessen Umland. In diesem Abschnitt seines Lebens, schnitzte Holtmann mehrere Kirchenkrippen mit großformatigen Figuren, darunter eine für den Osnabrücker Dom (ab 1919).  Typisch für Holtmann Krippen sind der Nazarener Stil, die oft kahlköpfigen Schafe und das liegende Kamel (es gab aber auch eine stehende Variante). Die von Holtmann geschnitzten Krippenfiguren sind Unikate. Die in Kevelaer und München ansässige gewesene Gipsfabrik KVA erwarb die Patente an den Figuren Holtmanns und damit das Recht als einziges Unternehmen diese Figuren in beliebiger Stückzahl aus Gips nachzugießen. Im Rhein- und Emsland, den Wirkungsstätten Holtmanns, sind dessen Krippen in Gips noch recht verbreitet- von einem Satz in 100 cm Kollektionsgröße weiß ich, dass er bis heute in einer schwedischen Kirche alljährlich aufgestellt wird. Die Holtmann Modelle, welche einst als Grundlage für die Gipsfiguren dienten, werden immer noch in 18 cm, 50 cm, 70 cm und 100 cm aus Gießharz hergstellt. Hersteller ist die Nachfolgefirma der KVA von Pferdmenges in Kevelaer. Da Holtmann in seinen Werkstätten, in denen etliche Mitarbeiter verschiedener Berufsgruppen beschäftigt waren, um ihm zur Hand zu gehen, ausschließlich Unikate in Holz arbeitete, findet man auf Gipsfiguren aus den Holtmannkrippen nicht seine Marke, sondern die der KVA.

 

Inhetvin, Hermann war ein 1887 in Geldern  am Niederrhein geborener Holzbildhauer (gestorben 1973). Sein bekanntestes, erhaltenes Werk schuf er 1928 mit der Krippe für die Neoromanische Kirche zu Köln, welche das drittgrößte Gotteshaus dieser Stadt darstellt. Neben 20 Figuren, welche zumeist Gruppen aus 2 bis 3 Personen und oder Tieren zeigen, schuf Inhetvin den passenden Stall, sowie spektakuläre Umbauungselemente, die seine Krippe ins rechte Licht zu rücken vermochten. Diese Umbauungselemente, welche u. a. den Hochaltar der Kirche im Krippenhintergrund verdeckten, sind seit dem 2. Weltkrieg verschollen. Die Figuren Inhetvins zeigen einen expressionistisch beeinflussten Gestus ohne dabei pathetisch zu wirken. Eine besondere Andacht kann abgesehen vom hl. Paar und den Anbetungsengelchen, keiner der Figuren unterstellt werden. Vielmehr wirken die Hirten und Könige wie in einer Warteschlange Stehende, die zwar geduldig aber leicht skeptisch wie gelangweilt auf etwas warten, das - durch Engel und Stern - groß angekündigt worden war. Neugierige, die ansonsten aber eher von den Lasten des Alltags gezeichnet zu sein scheinen. Als Begleitung für die 3 Weisen gibt es einen "Führer mit Esel" und ein einzelner Hirte führt gar eine Hirschkuh (ein Reh?) mit sich. Grobgelockte Schafe gibt es drei Stück an der Zahl, zwei davon in einer Gruppe. Die Marke DKH  hat als eine der ganz wenigen (gar einzige?) der Gipsfigurenfabriken, die "Emanuel Krippe" nach Inhetvin im Sortiment geführt, die 1:1 in Modelle umgesetzt worden ist. Neben allen 20 Figuren gehörte auch der Stall, in zwei Teile zerlegbar und aus Gips gefertigt, zu dieser Krippe. Die Bodenplatte des Stalles wies diverse Vertiefungen auf, in welche die Figuren hineingstellt wurden, so dass sich alljährlich das haargenau gleich positionierte Ensemble aufbieten ließ. Eine weitere, aber viel freier ausgelegte Inhetvin Krippe, fand sich im Sortiment der Marke FW. Diese wurde als "Barock Krippe" verkauft.

 
"Institut für kirchliche Kunst", "Volkskunstanstalt", "Kunstwerkstätte", "Kunsthaus", "Atelier für Polychromie", "Kirchliche Kunstanstalt" oder unter ähnlichen, wohlklingenden Namen betrieben die Unternehmer ihre Gipsereien.  Durch die Wahl solcher Betriebsbezeichnungen wurde die Bezeichnung Fabrik, denn nichts anderes waren diese Werkstätten in Wahrheit, umgangen. Man suggerierte dem Kunden ein Stück zu erstehen, das im gehobenen Milieu durch das Wirken künstlerischen Schaffens entstanden war. Der Hinweis auf die serielle Fertigung hingegen hätte die Ware im Volksempfinden der damaligen Zeit als minderwertig ausgewiesen.

 

Johannes der Täufer ist als Gipsfigur vor allem als an einen Felsen gelehnter, schlafender Knabe erhalten, zu dessen Füßen ein Lamm ruht. Der Knabe trägt das auch für die Darstellungen des erwachsenen Täufers typische Fellkleid und führt einen zepterähnlichen Stab mit sich. Als Pendant zu dieser Figur gab es  den schlafenden Jesusknaben, ebenfalls an einen Felsen gelehnt aus dem ein Quell entspringt. In seinen Händen hält der Gottesknabe eine Dornenkrone (seltener ein Kreuz) und man sieht ihn in ein schlichtes Gewand mit den goldenen Intialien IHS auf der Brust gekleidet. Diese beiden Figuren waren in vielen Haushalten zu finden, wo sie auf Schlafzimmerkommoden oder Wohnzimmervertigos als Nippes platziert wurden.

 

Kevelaer: Kleinstadt am Niederrhein mit rund 28.000 Einwohnern. Ab 1643 entwickelte sich Kevelaer zum Wallfahrtsort für marienverehrende Gläubige. In der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts war Kevelaer die Hochburg der Deutschen Gipsfigurenindustrie. Viele Betriebe und Werktätige im Kunsthandwerk waren in und um Kevelaer herum ansässig. Noch heute spielt das Kunsthandwerk dort eine bedeutende Rolle, wenn auch mit deutlich weniger Betrieben.


Leimlösche: Vor dem Auftragen der Polychromie wurden die Gipsrohlinge mit einer Lösche auf Knochenleimbasis behandelt. Die kleinen Figurenformate wurden hineingetaucht, große Werkstücke damit bestrichen. Dies diente der Versiegelung und Härtung der Oberfläche. Nachdem die Lösche getrocknet und ausgehärtet war, konnte die Grundierung und schließlich die finale Polychromie aufgetragen werden.

 

Masse ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Werkstoffen zur Figurenproduktion auf Papiermaschéebasis und weiteren- teils obskuren- Zusätzen. Neben Papierbrei, Leim, Kreide, gehäkseltem Stroh und ähnlichen Ingredienzien sollen auch Russ, Werg, Industriestäube, altes Industriefett und noch weniger appetitliche Dinge darin Verwendung gefunden haben. Massefiguren waren grundsätzlich noch billiger (und vergänglicher) als Gipsfiguren. Der künstlerische Anspruch blieb in weiten Teilen fragwürdig bis stark unterentwickelt. Wie das Krippenkabinett beweist, lässt sich bei den allermeisten Gipskrippenfiguren noch heute die Provinience bestimmen. Bei den Massefiguren hingegen bleibt die riesige Zahl der Hersteller, bis auf ganz wenige Ausnahmen, ein anonymes Heer. Als "bessere" Massen, die auch Ergebnisse mit hohem künstlerischen Anschein zuließen, dürfen der Tonguss und natürlich das MAROLIN angesehen werden. Diesen beiden Werkstoffen ist gemein, dass sie flüssig verarbeitet, also in Formen gegossen wurden. Die meisten anderen der Massen, waren hingegen breiförmig und wurden folglich in die Formen gedrückt. Den Tonguss nutzten vor allem auch die bis in die 1990er Jahre für ihre billigen Plastikfigürchen bekannte Firma Friedel sowie das Unternehmen Schneider, beide Coburg. Ab den 1950er Jahren stellten diese Betriebe vom Tonguss auf das dann zeitgemäße Material Plastik um. Während Friedel weiterhin ein großes Sortiment unterschiedlichster Modelle führte und vom Fachhandel, über Warenhäuser bis hin zur Weihnachtsmarktbude omnipräsent blieb, verdichtete sich bei Schneider die Produktion zuletzt auf einen einzigen Figurensatz, der samt Stall und Zubehör über diverse Versandhäuser vertrieben wurde. Mit dem Aufkommen billiger Steinzeugfiguren aus Chinaimporten, verschwanden die beiden deutschen Firmen vom Markt. Eine etwas andere Historie hat das Unternehmen des Richard Mahr, Steinach in Thüringen vorzuweisen. Anno 1900 gegründet, entwickelte der Inhaber die Rezeptur für seinen eigenen Werkstoff- das MAROLIN, welches er zum Patent anmeldete. In der Folge wurde der Namen des Materials zum Synonym für die ganze Firma. Richard Mahr fertigte in einem aufwendigen Verfahren wunderschöne detaillierte Modelle, welche es im Ausdruck mit den Gipsfiguren allemal aufnehmen konnten. Während der DDR Zeit war das Unternehmen enteignet und einem Kombinat eingegliedert, das Spielwaren erzeugte. Für Mahr bedeutete das, Tier- und andere Spielfiguren aus Plastik zu fertigen. Seit 1990 ist die Tradition des Haues wieder belebt und man fertigt die althergebrachten Modelle mit ihrem unwiderstehlich nostalgischen Ausdruck. Als charakteristisch für Massefiguren darf angesehen werde, dass die stehenden Tiere dazu, mit einfach geschnitzten Holzbeinen versehen waren. Häufiger ist auch zu beobachten, dass Massetiere mit Glasaugen, textilen Ohren und Tuchstaub austaffiert waren. Der Tauchstaub, auch als Bemoosung oder beflockt bezeichnet, gab den Tieren eine fellartige, samtige Oberflächenstruktur. Schafe wurden zuweilen als "Wollschafe", mit so genannter Krinnerwolle umwickelt, angeboten. Bei den Krippensätzen, die von Besitzern mit kleinerem Geldbeutel angeschafft wurden, kann man häufig beobachten, dass die menschlichen Gipsfigurendarstellungen durch Tiere aus billiger Masse ergänzt worden sind.

 

Modell: Als solches bezeichneter Prototyp zur Abnahme der benötigten Form für die Herstellung von Gipsfiguren. Das Modell ist eine meist aus Holz, Ton oder gar Bronze handgefertigte Figur, sozusagen die Matritze für den Gipsguss. Die Modelle wurden zu Beginn der Gipsindustrie von (akademischen) Künstlern, meist Bildhauern, gefertigt. Die gewünschten Modelle wurden in Art (etwa Figurengröße und Stilistik) und Anzahl (bis zu 20 Stck für einen neuen Krippensatz) durch den späteren Patentinhaber beauftragt. Hatte der Bildhauer die Modelle gefertigt, kaufte der Auftraggeber diese und erhielt somit nicht nur die Modelle an sich, sondern auch die (Urheber)Rechte daran. Es war üblich diese Rechte zum Patent anzumelden, um der Produktpiraterie vorzubeugen. Nachdem sich, angestachelt durch die Amtskirchen und Ästhetikvereine, die Innung der bildenen Künste von der Serienfabrikation religiöser Statuen und Figuren öffentlich distanzierte, machte sich die längst boomende Gipsfigurenbranche von freien Künstlern als Zulieferern für die Modelle unabhängig, indem sie den Handwerksberuf des "Modelleur" etablierte.


Modelleur / Modellmacher: ein weiterer spezieller Ausbildungsberuf in der Gipsbranche. Die Modelleure traten an die Stelle der freien bildenden Künstler als Bezugsquelle für neue Modellreihen. Modelleure durchliefen eine 3jährige Ausbildung handwerklichen wie künstlerischen Inhaltes. Sie waren darin geschult Figuren nach den Regeln der Kunst zu entwerfen, ihre Entwürfe ins Plastische umzusetzen ("zu modellieren") und dabei technisch relevante Belange für die Praxis in der Fertigung zu berücksichtigen. Manche größeren Betriebe stellten Modelleure fest an, andere Modelleure belieferten wie einst die Bildhauer, unterschiedliche Auftraggeber mit ihren Arbeiten. Durch die unglaublich hohe Anzahl von Anbietern, welche ständig mit "eigenen neuen Modellen" warben, gelangte die  kreative Schaffenskraft der Modelleurszunft recht bald an ihre Grenzen. So wurden Modelle immer häufiger "nach Art" oder "Vorbild von..." z. B. Dürer, Schiestl, Inhetvin, Deger und anderen klassischen wie zeitgenössischen Küstlern geschaffen. Ebenso wendete man sich den aufkommenden modernen Stilrichtungen zu und setzte aktuelle Trends aus den Produktreihen etwa von Porzellanmanufakturen oder Spielzeugfabriken in den eigenen Arbeiten um. Letztlich begann man diese Typen- bzw. Themenkrippen in ihrer Gestaltung freier zu interpretieren, um wiederum weitere Varietäten zu schaffen. Das Schielen nach rechts und links war dabei ständige Praxis, so dass letztlich immer ähnlichere Sortimente entstanden. Nur wenige Modelleure entwickelten einen unverwechselbaren Stil und agierten dadurch etwas unabhängiger von externen Ideengebern. Etliche der heute am Markt angebotenen Kunstharzfiguren gehen noch auf (teils ur)alte Modelle zurück, welche in den Blütetagen der Gipsindustrie geschaffen worden waren.

 

Nazarener: Stilrichtung der bildenden Kunst, deren Aufkommen an den Anfang des 19. Jahrhunderts und somit in die Epoche  der Romantik, datiert. Seinen Anfang nahm der Nazarener Stil durch eine studentische Bewegung an der Wiener Kunstakademie und verbreitete sich rasch in alle bedeutenden Kunstzentren Europas. Auch in Deutschland  waren seine Vertreter angesiedelt,  mit Schwerpunkten an den Akademien von München, Frankfurt und Düsseldorf. Der Inhalt dieser Kunstrichtung beschränkte sich fast ausschließlich auf biblische Motive, historische Ereignisse oder Szenarien aus klassischen Dichtungen, etwa von Shakespeare.  Das künstlerische Schaffen folgte einem Grundgedanken, der hauptsächlich darauf abzielte die Religion in angemessener Form hochzuhalten und zu verbreiten. Der gesellschaftliche und politische Wandel ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begünstigte den Aufstieg des Impressionismus und sorgte dafür, dass die Anhänger der Nazarenerbewegung massiv zurückgedrängt wurden. Plötzlich galten Inhalt und Stil ihrer Werke als unzeitgemäß, ja naiv und künstlerisch anspruchslos. Die Gegner des Nazarener Stils entdeckten in den Darstellungen eben nicht überlieferte Wahrheit, sondern etwas Verklärendes, dem überzogene Süßlichkeit, auf bestem Wege zum Kitsch attestiert wurde und entsprechend leicht ins Lächerliche zu ziehen war. Obwohl damit die Hochphase des Nazarener Stils endete, flackerte er besonders im Bereich des religiösen Kunstschaffens immer wieder auf. Der Gipsfigurenindustrie, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts voll aufzukeimen begann, leistete der Nazarener Stil allerbeste Dienste. Besonders die unterschiedlichen Madonnenmotive (Unbefleckte Empfängnis, Herz Maria, Himmelskönigin usw.) doch ebenso die Modelle vieler anderer Heiliger tragen die eindeutigen Züge des Nazarenerstils, der damit endgültig als banal und trivialisiert galt. Der Begriff „Nazarener“ als Name für diese Bewegung setzte sich im Übrigen erst in der wissenschaftlichen Nachbetrachtung dieser durch.



Ochs´ & Esel: ein echtes Kuriosum ist, dass diese beiden Figuren in keinem Krippensatz aus Gips maßstabsgetreu ausgearbeitet sind, was jeder leicht überprüfen kann. Erstens sind Ochse und Esel keine gleich großen Tiere, der Ochse ist bedeutend größer, massiger und gewichtiger. Meistens jedoch sind die beiden Tiere gleich groß dargestellt, in einigen Fällen  der Esel gar größer als der Ochse. Ein kniender Mensch wird von einem stehenden Ochsen überragt und  müsste den Arm recken, wollte er aus dieser Position den Rücken des Rindviehs berühren. In Krippensätzen reicht der stehende Ochse einer knienden Figur gerade bis zur Schulter, ist also bedeutend zu klein geraten. Was der Sinn dieses Phänomens ist, bleibt schwer zu sagen. Es handele sich dabei um die Absicht Material zu sparen, lautet einer der Erklärungsversuche, die beiden Tiere hätten ja auch in der Überlieferung nur Symbolcharakter, weshalb die Andeutung ihrer Anwesenheit reiche, ein anderer. Geklärt ist damit aber nichts. Zum Thema Maßstabstreue gibt es ein weiteres Phänomen: Die hl. Familie ist in vielen großformatigen Sätzen (ab 60 cm) deutlich größer als alle anderen Figuren. Der Sinn davon war, das heilige Paar mit dem Knaben über die gewöhnlichen Menschen und anderen Kreaturen zu erheben.



Polychromie: bezeichnet die äußerlich sichtbare Bemalung der Gipsfigur. Die Bezeichnung des Handwerksberufes lautet Polychromeur. Die oft kunstvoll anmutende Bemalung der Gipsfiguren, beruht im Wesentlichen auf der Umsetzung eines immer gleichen Schemas.  Vertiefungen in dunklerem, dagegen Erhöhungen in hellerem Ton der gleichen Farbe gehalten, erhöhen den Eindruck des Plastischen. Lebendige Gesichter erzielte man aus dem Spiel unterschiedlich heller hautfarbener Töne, z.B. einer heller gehaltenen Stirn. Diffiziler war das Einsetzen der Augen, Augenbrauen und des Wangenrotes, weshalb es  Übung verlangt haben dürfte. Verwendet wurden Farben auf Ölbasis, die mit speziellen Lacken überstrichen und so haltbarer gemacht wurden. Den Pinsel lösten nach und nach Sprühpistolen ab, was bis heute die gängige Methode zum Farbauftrag darstellt. Viele Anbieter priesen ihre Polychromie als „feinst“, „hochfein“, „kunstgerecht“ oder „antik“. Leider erschließt sich nicht wirklich worauf diese Umschreibungen sich beziehen, zumal sie offensichtlich selbst von den Herstellern unterschiedlich ausgelegt wurden. „Antik“ bezeichnet häufig eine patinierte Bemalung in satten, dunklen Farbtönen. Van Meegen aber bezeichnet eine Bemalung in pastellfarbig anmutenden Tönen ohne Patina als „antike“ Ausführung. Mit „hochfeiner“ Polychromie scheint eine reichliche Verzierung mit Goldornamenten gemeint zu sein. Bei solchen Stücken waren nicht nur die üblichen Stellen an den Figuren mit Goldauftrag versehen, sondern auch die Gewänder mit Goldapplikationen ("Bordüren") aufwändig geschmückt. Die Vergoldungen wurden je nach betriebenem Aufwand, mit Goldlack, Schlagmetall oder Blattgold vorgenommen. Während der Goldlack einfach mit dem Pinsel aufgetragen werden konnte, waren für die Verwendung von Blattgold und Schlagmetall vor- und nachbereitende Schritte, sowie der Einsatz von Schellack zur Fixierung nötig.



Qualitätsversprechen: Aus heutiger Sicht sind Gipsfiguren, bezogen auf die vollmundige Anpreisung, reinste Mogelpackungen. Nicht nur dass Hinweise auf die massenhafte Fertigung bewusst umschrieben wurden, nein, man verschleierte auch noch die Art des Materials im Wissen, dass der Kunde am Ende eben doch eine Figur aus profanem Gips in Händen hielt. Hinzu kamen gängige verbale Aufwertungen der Polychromie, die aber nicht standardisiert scheinen. Die Bemalung wurde von Menschen vorgenommen und wie in allen Berufen hat es sicher auch hier bessere und weniger versierte Fachleute gegeben. Deshalb konnte die Polychromie letzten Endes immer nur so gut sein wie das Vermögen des Ausführenden es zuließ. Ob das dann immer und ausnahmslos „hochfein“ oder „kunstgerecht“ war? In noch nicht trockener Farbe hinterlassene, heute noch sichtbare Fingerabdrücke, einge“backene“ Pinselhaare, Nasen von zu reichlich aufgetragenem Lack, Partien mit falschem Farbauftrag, schiefe Augenbrauen, unsicher aufgetragene Goldlinien und Ähnliches lassen sich immer wieder entdecken und sprechen ein wenig dagegen.

 

Restaurierung. Heute findet man die meisten Gipsfiguren heute in beschädigtem Zustand vor. Viele fühlen sich inzwischen zum Restaurator berufen und es kursieren eine Menge Tricks und Kniffe wie man bestimmte Beschädigungen am besten repariert. Aus meiner Sicht verbietet sich die Verwendung eines anderen Füllmaterials als dem Gips. Auch die häufig praktizierte Übermalung der reparierten Stellen mit Wasserfarben ohne diese mit Klarlack zu fixieren, oder gar die komplette Übermalung einer Figur (weil man nicht im Stande ist den ursprünglichen Farbton zur Anpassung zu mischen), hat nach meinem Verständnis nichts mit Restaurieren sondern nur mit Kaschieren zu tun. Um es deutlich zu sagen: so etwas ist dilettantisch und strikt abzulehnen, weil es nicht den Regeln der Kunst entspricht. Ebenso kritisch sehe ich die Arbeiten einer gewissen Couleur, die mit dem 1x1 des Acrylfarbkastens vertraut, ebenfalls komplette Figuren einfach übermalt und sie so ihres antiken Charmes, diesem einzigartigen Ausdruck berauben. Solche Figuren sind faktisch wertlos. Es lohnt sich also das Warten, bis man einen Menschen findet, der auf die Wiederherstellung von Gipsfiguren spezialisiert ist.


Satz: Verkaufseinheit aus mehreren zusammengehörigen Einzelfiguren. Krippen wurden eigentlich immer im Satz vertrieben. Die gängigen Sortierungen waren: 15 Figuren (Maria, Josef, Jesuskind, Gloriaengel, Ochs´ & Esel, 3 Hirten, 6 Schafe) 18 Figuren (ergänzt um die 3 Weisen) oder komplett 20 Figuren (zuzüglich Kamel & Treiber). Natürlich wurden in den Geschäften Figuren auch einzeln verkauft. Über den Komplettsatz zu 20 Figuren hinaus, gab es separat zu erwerbende Ergänzungen: Verkündigungsgruppe (stehender Engel mit 3 Hirten), Hunde, Ziegen, Elefanten, Pferde, Treiber, Hirtinnen, Mägde, Pagen und Diener für den Königszug. Interessant ist, dass bei Butzon & Bercker -branchenunüblich-  ein Komplettsatz aus 21 Figuren bestand, weil hier der Hund gleich mitgeliefert wurde. Als Kuriosum mit  Beigeschmack sehe ich aus heutigem Blickwinkel die Tatsache an, dass in den Katalogen der Kameltreiber stets als "Führer" bezeichnet wurde. Siehe auch: Sortierung.

 

Schiestl, Matthäus war ein Maler und Grafiker, der als mittlerer der "Schiestl Brüder" 1869 in Zell am Ziller (Tirol) geboren wurde und 1939 in Würzburg (wohin die Familie 1873 gezogen war) verstorben ist. Matthäus Schiestls Brüder Heinrich ("Heinz") Schiestl, 1867 bis 1940, und Rudolf, 1878 bis 1931, waren gleichfalls bildende Künstler. Der ältere ist als regional bedeutender Holzbildhauer zu Bekanntheit gelangt, der jüngere Bruder ebenfalls als Maler.

 

Schiestl Krippe: Ähnlich dem Altmeister Dürer schuf Matthäus Schiestl etliche Bilder mit Szenen aus dem Leben Jesu, worunter gleich mehrere verschiedene zu Geburt, Anbetung der Hirten und Flucht nach Ägypten auszumachen sind. Streng werkgetreu bleibt die Schiestl Krippe von AR (siehe Kaleidoskop), deren Hirten beinahe 1:1 nach den Vorbildern auf einem Tryptichon Schiestls gearbeitet wurden. Das Kind ist ebenfalls diesem Werk entlehnt. Das hl. Elternpaar hingegen ist aus gleich zwei anderen, sich recht ähnelnden Bildern Schiestls komponiert. Typisch für Schiestl Krippen sind die mittelalterliche Kleidung der Hirten, der Hirt mit Knabe, Maria ohne Schleier mit offenem Haar, das Kind in einer Art Bett (anstatt in einer primitven Bretterkrippe), König Balthasar, der seine Krone auf der Krempe eines - meist roten Hutes - trägt und letztlich die "verwitterten" Charakterköpfe mit einer zuweilen etwas säuertöpfischen Mimik im Gesicht. Erwähnenswert die Tatsache, dass der Engel aus der von Rabbels edtitierten Schiestl Krippe bishin zur exakten Haltung, ebenfalls werkgetreu ist, aber dennoch anstatt - wie in der Vorlage - einer Harfe, das Gloriabanner in Händen hält. Als weitere Besonderheit ist auf Schiestls Gemälde "Anbetung der Könige" keiner der Weisen als Mohr dargestellt. Das hochformatige Bild wird im Vordergrund beherrscht von der auf einem Felsen sitzenden, das Kind und die übergebene Gabe auf dem Schoß haltenden Modanna, vor der einer der Weisen auf die Knie gefallen ist. Dieser Weise betet in insbrünstiger Demut das Kind an und wird in scharlachrotem Umhang, ebensolchem krempenlosen Hut, mit weißem Haar aber ohne Bart dargestellt. Aus dem linken Bildrand tritt ein zweiter Weiser mit mächtiger Krone, weißem Umhang, dreiviertellangem, buntgemustertem Gewand und grünem Beinkleid in die Szene, der einen großen Goldpokal als Gabe bei sich hat. Hinter der rechten Schulter dieses Weisen erscheint lediglich noch der Kopf eines dritten Königs- dieser zeigt das charaktervolle rundliche Gesicht und den bereits erwähnten (roten) Ballonhut. Das ganze Geschehen ist vor der Kulisse eines mittelalterlichen Fachwerkhauses angesiedelt. Hinter diesem Haus schauen die Giebel zweier weiterer heraus, die die linke Bildhälfte bis zum Horizont ausfüllen. Wie etwa bei den Dürer Krippen auch, wurden Schiestl Krippen von etlichen Anbietern auf den Markt gebracht, weshalb das Thema auch hier, im Sinne einer Unterscheidbarkeit, variiert wurde. So greift etwa die "Würzburger Krippe" von DKH (siehe Kaleidoskop) nur wenige typische Stilelemente einer Schiestl Krippe auf, weshalb dieser Satz viel typischer für den ausführenden Modelleur denn Schiestl ist.

 

Sortierung: Innerhalb eines Satzes waren stehende und kniede menschliche Figuren vertreten. Als Standart kann angesehen werden, dass Maria kniend dargestellt war, ebenso je einer der Hirten und 3 Weisen. In der Regel beinhaltetet ein 20er Satz also mindestens 3 kniende Figuren. Der heilige Josef wird mal stehend, mal kniend dargestellt, wodurch seltener als die Regel, Sätze mit 4 knienden Personen zu beobachten waren. Noch seltener wurden auch Sätze mit 2 knienden Weisen angeboten, wodurch von 11 menschlichen Figuren nur noch 3 Stehende waren, weil das Kind ja liegt und der Gloriaengel "schwebt". Äußerst selten dagegen die Sortierung mit stehendem Josef, 3 stehenden Hirten und 2 stehenden Weisen. In einem solchen Satz gibt es dann nur 2 kniende Personen: Maria und einer der Weisen. Ein anderes Extrem ist ein bestimmter Satz der Marke B&B, in welchem nur 1 Hirte und der Kameltreiber als stehende Pesonen dargestellt sind. Der Kameltreiber ist übrigens die einzige Figur, die (als Einzelfigur) immer stehend dargestellt wird. Lediglich als Blockfigur (an das Kamel gegossen) kennt man sitzende oder angelehnte Teiber, anbetend kann er dagegen nur in einem einzigen Fall beobachtet werden. Was die Tiere angeht, kann gesagt werden, dass Ochs´ & Esel häufiger stehend als liegend angeboten wurden und dass beide in der Regel die gleiche Haltung einnahmen, es zu einem liegenden Ochsen also keinen stehenden Esel (oder umgekehrt) gab. Von den 6 zu einem Satz gehörenden Schafen, war eines immer ein Widder, zumeist stehend. Manchmal gab es einen zweiten Widder, in liegender Haltung. Mindestens 2 der 6 Schafe wurden liegend dargestellt, häufig waren es gar 3 Liegende. Von den stehenden Schafen war eines oft äsend dargestellt, aber rechts-, links- und geradeaus Schauende sind weitaus häufiger anzutreffen. Kamele sind bis auf sehr wenige Ausnahmen immer stehend dargestellt. Als Ausnahmen gibt es z. B. ein liegendes Kamel als Block mit angelehntem Treiber aus einem Satz von DvO oder das Kamel der "Morgenlandkrippe" hier im Kaleidoskop. Ebenso ein Anderes aus einem 40er Satz für Kirchen. Die Stückelung der Sätze und auch die Sortierungen innerhalb dieser, wichen manchmal durch die Fertigung von Blockfiguren ab. Das führte dazu, dass am Ende zwar wieder 20 Figuren dabei waren, aber eben nicht als 20 Einzelstücke. Maria mit dem Kinde, Ochs´ & Esel, Schafgruppen, Elefanten oder Kamele samt ihrer Treiber sowie äußerst selten Könige mit Pagen, wurden auch als Blockfiguren gefertigt. In der Regel beinhaltete der betroffene Satz aber nicht nur eine einzige Blockfigur, sondern zeigte gleich mehrere von diesen.

 

Terracotta: unter dieser Material- Bezeichnung wurden Tonfiguren gehandelt. Ähnlich wie bei den Gipsfiguren sollte "Terracotta" das Material und die Figuren daraus aufwerten. In Wahrheit handelte es sich bei "Terracotta" um minderwertigen rotbrennenden Ton, wie er heute im Werkunterricht verwendet wird. Bei Besitzern solcher Terracottafiguren, die leicht an der rötlichen Unterseite zu erkennen sind, fruchtet der Trick mit der gehobenen Bezeichnung noch heute sehr gut, da die meisten unter ihnen davon ausgehen, dass ihre Figuren, wie bei Kunstwerken aus Ton / Keramik üblich, von Hand modelliert und aufwändig bunt glasiert worden seien. Leider trifft nichts davon auf Terrcotta- Figuren zu. Sie wurden wie die Gipsfiguren mittels Formen hergestellt. Dafür wurde der rohe Ton in die Formen gedrückt. Viele Terracottafiguren sind innen hohl, da mit Werkzeugen vom Zentrum der Form her, der Ton in den Formen so verdichtet wurde, dass nach dem Brennen alle Details des Formenprofils sicher abgebildet waren. Da der Ton etwas stoßfester war als der Gips, wurden aus diesem Material häufiger auch Figuren auf zwei freistehenden Beinen produziert. Für solche Stücke wurden die Einzelteile in Formen gedrückt und vor dem Brand daraus die Figuren zusammengesetzt. Nach einer Trocknungsphase kamen die Rohlinge zum Brennen in den Ofen. Die (Öl)Farben wurden wie bei Gipsfiguren mittels Pinseln oder Sprühpistolen aufgetragen und mit Klarlack gefinisht, die aufwändige Technik des Glasierens mit ihren hochwertigen Ergebnissen, wurde hier zur Farbgebung dagegen nicht eingesetzt. Das war im Endeffekt auch gar nicht möglich, da bis vor wenigen Jahrzehnten allein das Glasieren von blau als Farbe technisch machbar gewesen ist.    

 

Tischlerleim: Dieser wird häufig als Geheimtipp gehandelt wenn es darum geht abgeschlagene Nasen neu zu modellieren. In wie weit die Ergebnisse stimmig sind, muss jeder für sich selbst abwägen. Unbestritten dagegen ist, dass Tischlerleim (auch unter Weiß- oder Holzleim bekannt) das beste Mittel Wahl ist, wenn es darum geht an Gipsfiguren Klebearbeiten vorzunehmen. Haushaltskleber ziehen oft unschöne Fäden, die einmal auf der Figur erhärtet, nicht ohne diese zu beschädigen entfernt werden können. Auch hinterlassen diese Kleber häufig „Kragen“ an den Klebestellen und verhindert durch ihre dickflüssige Konsistenz, dass die Teile hundertprozentig passgenau zusammengefügt werden können. Alle diese Nachteile hat der Einsatz von Tischlerleim nicht- sofern man im Umgang damit etwas geübt ist. Aber erneut die Empfehlung: wie alle Reparatur- und Restaurierungsarbeiten gehört auch das Kleben von Gipsfiguren in fachmännische Hände.

 

Ungeklärte Marken sind solche, die man heute keinem Inhaber mehr zweifelsfrei zuschreiben kann. Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen. Viele Gipsfabrikanten und Verleger haben verschiedene Marken genutzt. Dabei wurde öfter nicht nur das Layout der Marke verändert, sondern auch deren Laut. Zum Beispiel hat Schultheiss in Weißenhorn drei verschiedene Marken (zeitweise sogar parallel) genutzt. Wenn solche "Nebenmarken" in ihrer Buchstabenkombination keine oder kaum Rückschlüsse auf die diesem Inhaber zugeschriebene Hauptmtarke zulassen, tappt man schnell im Dunkeln. Ein weiterer Grund ist, dass es in der Gipsindustrie eben nicht nur die langlebigen Betriebe gegeben hat, sondern auch solche, die kamen und gingen. Dann waren die Marken nicht lange genug im Umlauf, um sich was ihre Bedeutung angeht in Dokumenten oder Erinnerungen einzugraben. Verschärft wurde dieser Umstand noch durch die partnerschaftlichen Neugründungen, die teilweise auch nur temporär bestanden haben. In diesem Fall sind Namen kombiniert, die nach Auflösung der Partnerschaft im Nachhinein nicht ohne weiteres wieder in Zusammenhang gebracht werden, da in den vorliegenden Aufzeichnungen eben keine Hinweise in diese Richtung zu erkennen sind. Erschwerend ist auch, dass die Gipsindustrie grundsätzlich schlecht dokumentiert ist. Das hat mit der relativ kurzen Lebensdauer dieser spezialisierten Branche und deren (im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen) gering eingeschätzten Geltung zu tun. Wesentlich war natürlich auch die Geringschätzung der Produkte, die als billig, vergänglich und "unedel" galten- zumindest in den Augen derer, deren Auftrag es gewesen wäre, sich auch mit der Gipsbranche wirtschaftswissen- schaftlich auseinanderzusetzen. Am Umsatzvolumen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn bis zum Aufkommen der Faktoren, die in ihrer Gesamtwirkung den Untergang der Gipsindustrie herbeiführten, schien der Markt für Gipsfiguren trotz unglaublich hoher Produktivität der Erzeuger nie gesättigt gewesen zu sein. Letztlich sind unter den ungeklärten Marken auch ausländische, obwohl in einigen Ländern, darunter die Niederlande, eine ganze Reihe der inländischen Marken geklärt sind. Grundsätzlich muss man sich am Ende damit abfinden, dass es Marken gibt, die ihr Geheimnis nicht mehr preisgeben werden. Nun gibt es aber Zeitgenossen, die sich damit nicht abfinden möchten. Diese greifen dann zu Lingens Standardwerk und suchen im dortigen Personenregister so lange nach irgendeinem beliebigen Namen, bis sie einen solchen gefunden haben dessen Initialien zu der Marke passen. Diesen Namen schreien sie dann als Inhaber der betreffenden Marke in die Welt hinaus. Dass die dann zum Markeninhaber erklärte Person (fast) nie ein solcher gewesen ist / sein kann, zeigt, dass ein solches Vorgehen absolut sinnlos ist und niemanden weiterbringt- das geht gar nicht!


Ungläubige: als solche wurden die Ureinwohner in den Kolonien westeuropäischer Staaten wahrgenommen. Wenig bekannt dürfte sein, dass durch das Wirken der Missionare, Gipsfiguren aus deutscher Produktion auf beinahe dem ganzen Erdball verteilt wurden. Die figürlichen Darstellungen halfen dabei den missionierten Völkern den neuen Glauben, im wahrsten Sinne, begreifbar zu machen um schließlich ihre Naturreligionen aufzugeben. Alle bedeutenden Gipsfabrikanten unterhielten geschäftliche Beziehungen ins Ausland. Von Schmidt & Heckner wird berichtet, dass Figuren in hohen Stückzahlen nach Großbritannien und Südamerika geliefert wurden.
 

Verbreitung: Obwohl seit den 1960er Jahren praktisch keine Gipsfiguren in großem Stile mehr produziert werden, scheinen sie heute noch relativ häufig anzutreffen zu sein. Gemessen an der unendlich hohen Zahl von Stücken, die einst Jahr für Jahr die Kunstanstalten verließen, ist das heute noch vorzufindende Erhaltene jedoch verschwindend wenig. Die Krippenfigur aus Gips avancierte von der massenhaft verbreiteten Trivialität zu einem gesuchten Sammlerobjekt mit einem gewissen Seltenheitswert. Was die Quantität der Erhaltung angeht, so finden wir häufiger Figuren solcher Anbieter mit hohem Ausstoß sowie der Firmen vor, die während der späten Jahren der Gipsfigurenindustrie - 1930er bis 1950er Jahre - noch aktiv waren. So ist es nicht verwunderlich, dass ein beträchtlicher Anteil der noch überlieferten Gipskrippen von van Meegen, Schmidt & Heckner, Heinrich Kerkhoff aber auch dem Deutschen Kunsthaus, Düsseldorf oder den Gebrüder Dyx stammen. Zumal bei den drei erstgenannten Anbietern beide wichtigen Faktoren zusammenfallen. Es kann nicht häufig genug darauf hingewiesen werden, dass Krippenfiguren aus dem privat genutzten Bereich von vor 1900 aber auch aus den 1900er bis 1920er äußerst selten erhalten sind. Anders sieht es bei den in Kirchen oder öffentlichen Einrichtungen genutzten Krippen aus. Die hier oft großformatigen Figuren sind häufig in schlechtem Zustand vorzufinden, wurden aber nicht so ohne Weiteres entsorgt wie beschädigte oder zerstörte Gipsfiguren aus Privathaushalten. Wenn die mit der Zeit abgegriffenen oder schlimmer beschädigten Gipskrippenfiguren besonders ab den späten 1950er Jahren auch durch angekleidete oder geschnitzte Figuren ersetzt wurden, so überdauerten sie häufig in Sakristeischränken, Kirchenkellern oder Turmzimmerchen. Nicht selten sind die alten Gipskrippen bis heute im Gebrauch- vermehrt auch nach aufwändiger Restaurierung, die mal mehr, mal weniger gelungen ausfällt. Neben dem Zeitfaktor und der Wirtschaftskraft des einstigen Anbieters der Figuren spielt für deren Häufigkeit bzw. Verteilung über das Land auch ein geografischer Faktor eine gewisse Rolle. Nicht selten ist nämlich zu beobachten, dass regional, also im weiteren Umkreis ehemaliger Standorte von Kunstwerkstätten, deren Produkte gehäuft erhalten sind. Das kann sowohl im Bereich der Kirchen- als auch der Haushaltskrippen beobachtet werden. Figuren der Werkstatt Carl Walter, Trier z. B. sind besonders oft in Kirchen von Ortschaften an der Mosel, im Hunsrück und der Eifel überliefert. Grundsätzlich aber besteht eine recht ordentliche Chance auf Gipsfiguren eines jeden Anbieters überall in Deutschland zu treffen- wer weiß denn schon mit letzter Gewissheit zu sagen, was noch wo auf Dachböden und in Kellern schlummert? 

 

Vertrieb: Der Verkauf von Gipsfguren aus Deutschland in alle Welt wurde über ein eigens aufgebautes Vertriebssystem abgewickelt. LOHNGIESSEREIEN fertigten Gipsfiguren im Auftrag anderer Markeninhaber, vertrieben diese aber nicht. FIGURENFABRIKEN fertigten ihre eigene Markenware und vertrieben diese (zu allermeist) auch direkt. VERLEGER / GROSSISTEN fertigten keine Gipsfiguren, vertrieben aber solche unter eigener Marke (von Lohngießereien gefertigt) aber auch die Ware anderer Markeninhaber. Der nationale Vertrieb erfolgte über Handelsvertreter, die die Läden (Missionsbuchhandlungen, Fachgeschäfte für "Kirchliche" bzw. "Religiöse Kunst") aufsuchten und anhand von Katalogen und Musterkoffern, dort die Aufträge des Fachhandels herein holten. Im Fachhandel versorgten sich überwiegend die Endverbraucher mit der Heimkrippe oder Heiligenfiguren und -bildern sowie allem anderen, was zur Ausübung der Religion benötigt wurde. Kirchengemeinden und ähnliche Kunden, die umfangreiche Aufträge erwarten ließen, wurden auch direkt mit Katalogen versorgt und entsprechend beliefert. Für den internationalen Vertrieb, unterhielten viele Firmen Dependacen im europäischen aber auch amerikanischen Ausland. Für die zahlreichen Missionen kehrte sich das System um, indem die Missionstationen für ihren Bedarf, die einschlägigen Firmen bzw. Händler anfragten. Dort wohin ein Unternehmen selbst keine eigenen Distributionswege aufgebaut hatte, nutzte man die vorhandenen Wege, indem man versuchte seine Ware bei entsprechend aufgestellten Firmen oder solchen, die im Zielmarkt ansässig waren, listen zu lassen. Derart schafften es kleinere Anbieter, zumindest einen Teil ihrer Sortimente auch auf diverse Märkte außerhalb Deutschlands zu bringen.

 


Vorbild: Die Modelleure vertrauten bei ihrer Arbeit nicht nur auf die eigene Phantasie, sondern ließen sich von den Arbeiten Kunstschaffender inspirieren. Ein bekanntes Beispiel dafür mag die sogenannte „Dürer Krippe“ sein, die nach den Vorlagen auf Albrecht Dürers Gemälden und Zeichnungen rund um das Thema der Geburt Christi gestaltete Figuren zeigt. Ähnlich verhält es sich mit häufiger anzutreffenden Krippen "nach Schiestl", "nach Inhetvin" oder "nach Bachlechner". Im Bereich der Heiligenfiguren ist die Figur „Himmelskönigin“ nach einem Gemälde Ernst Degers (15.04.1809 bis 27.01.1885) eines der Beispiele.  Deger zeigt die Madonna mit Krone, wie sie das Kind auf dem unter ihrem Mantel verborgenen linken Arm hält, die rechte Hand schützend am Bauch des Knaben, die Augen geschlossen. Das Kind selbst reckt mit ausgebreiteten Armen, seine Hände dem Betrachter entgegen und scheint dessen Blick einfangen zu wollen. Dieses Motiv findet man in den Katalogen häufig kurz als „Deger“ oder „nach Deger“ bezeichnet, obwohl es offiziell „Himmelskönigin“ hieß. Als der Nazarener Bewegung angehöriger Maler, war Ernst Deger ein bedeutender Vertreter dieser Kunstrichtung im Kreis der so genannten „Düsseldorfer Schule“.  Die Figur "Der Auferstandene" nach Thorvaldsen war ein recht verbreitetes Motiv unter den verschiedenen Jesus- Darstellungen. Die originale Figur wurde 1838 von dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770 - 1840) aus Marmor gefertigt und steht bis heute in der Frauenkirche zu Kopenhagen. Wie das Original sind auch die Gipsreplikate davon nicht polychrom gefasst, sondern erscheinen den Marmor imitierend mit alabasterartiger Oberfläche.

 

Weihnachtskrippe: ist die Bezeichnung der Darstellung Christi Geburt mittels Figuren aus unterschiedichen Materialien, deren Ursprung in der bildenden Kunst, der Volkskunst, im Kunsthandwerk und in jüngerer Zeit der industriellen Produktion liegen können. Die Bezeichnung "Krippe" ist auch für andere Darstellungen aus dem Leben Jesu gebräuchlich geworden. So spricht man bei Darstellungen der Leidensgeschichte von "Passions"- oder "Oster"- bzw. "Fastenkrippen", während der Begriff "Weihnachtskrippe" Ereignisse wie "Verkündigung Mariä", "Herbergssuche", Flucht nach Ägypten", Darstellung im Tempel" bis hin zur "Hochzeit von Kanaa" (erstes Wunder Jesu) mit einschließt. Die erste Weihnachtskrippe hat der Überlieferung nach am heiligen Abend anno 1223 Franz von Assisi mit lebenden Personen und Tieren gestaltet. Im frühen Christentum fanden gegenständliche Darstellungen von Szenen aus dem Leben Jesu kaum Verbreitung. Die frühesten Darstellungen der Geburt sind in Form von in Stein gemeißelten Reliefs überliefert, welche das Kind in der Krippe umgeben von Ochs´ & Esel zeigen. Diese Reliefs wurden in Sakralbauten, oft als Zierde auf Taufbecken angebracht. Maria, Josef, die Hirten und Weisen, welche die Bibel, ganz im Gegensatz zu Ochs & Esel, ausdrücklich benennt, tauchen in den Werken sakraler Kunst erst deutlich später auf. Die figürliche Darstellung der Weihnachtsgeschichte beschränkt sich in Form der Krippe zumeist auf Geburt und die Anbetung durch Hirten und Weisen. Die Art der Darstellung war in allen Ländern zunächst stark regional ausgeprägt. Man kleidete die Figuren "heimatlich", also mit dem, was man selbst an Kleidung aus seiner Umgebung kannte und siedelte die Szenerie in ebenso heimatlich geprägten Landschaften an. Das hatte Franz von Assissi den Krippenbauern aufgetragen, da er mit dem Ausspruch man solle "die Krippe nach Art seiner Heimat bauen" zitiert wird. In vielen Regionen stellte man bekleidete Figuren her, da bei diesen lediglich Köpfe und Hände ausgeformt werden mussten- bei einer hohen Zahl von Figuren eine große Erleichterung. Man sparte die Zeit, die das vollplastische Ausformen bzw. Schnitzen länger gedauert hätte und Material sowie Geld da die Kleidung aus Stoffresten, wie sie allerorten anfielen, genäht werden konnte. In manchen Regionen wie den Alpen oder dem Erzgebirge, gab es früh auch schon vollplastisch geschnitzte Figuren und in Neapel, auf Sizilien und in der Provence fertigte man ebensolche Figuren aus Ton ("Terracotta"). Erst der ab dem Ende des 19. Jahrhunderts um sich greifende "Einheitsorientalismus" bescherte den Darstellungen eine weitere Stilart, nämlich die der orientalischen Krippe. Die regional geprägten Krippen hatten aus einer Unzahl von Figuren bestanden, da neben den biblisch überlieferten Personen auch sämtliche weltlichen und kirchlichen Honorationen aus Stadt oder Dorf und Umland in die Krippe einbezogen wurden. Dieses Einbeziehen ganzer Dorfgemeinschaften sowie das Nachbilden vieler Gebäude des Wohnortes wie Schule, Schmiede, Kirche, Kaufmannsladen, Wirtshaus usw. beruht auf einem Trick, welchem die Bevölkerung sich mit Aufkommen der Krippenverbote zu bedienen begann. Immer wieder waren in ganzen Landstrichen Krippen verboten worden. So stellten pfiffige Krippenbauer einfach ihr ganzes Dorf nach. Klopften die Häscher der Fürsten zu Kontrollzwecken an die Tür, ließ die Hausfrau schnell das Kind aus der Krippenlandschaft verschwinden während der Hausherr öffnete. Alles was die amtlichen Kontrolleure dann vorfanden war ein Nachbau der Heimat des Hausbesitzers, der natürlich nicht zu beanstanden war. Hatte der Amtsschimmel die gute Stube verlassen, kehrte das Jesulein augenblicklich an seinen angestammten Platz zurück. Mit dem Aufkommen der seriell gefertigten und überregional, ja international, vertriebenen Krippen aus Volkskunstanstalten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, entkoppelte man die Weihnachtskrippe von allen regionalen Bezügen. Möglich wurde das dadurch, dass die Figuren von nun an, dem aus der sakralen Malerei allseits bekannten Nazarener Stil oder eben dem des in Kunst und Design allgegenwärtigen Orientalismus, nach gestaltet wurden. Das Personal der Krippe reduzierte sich, im Zuge der wirtschaftlichen Produktion, auf das Wesentliche, so dass der 20teilige Krippensatz zum neuen Standard wurde. Dieser bot neben der Familie, den Hirten, Weisen und Tieren, einen Gloriaengel sowie ein Kamel mit Treiber als Begeleitung der hl. 3 Könige. Schon damals aber hielt der Handel weitere Figuren zur Ergänzung bereit: Beisatzhirten, Hirtenfrauen, Mägde, Verkündigungsgruppen, Elefant mit Treiber, Königspagen, Hirtenhunde und Ziegen. Doch selbst wer alle derartigen Erweiterungen nutzte, brachte keine Krippe mehr zustande, die in Anzahl und Vielfalt der Figuren an die regional geprägten Darstellungen heran reichen hätte können. Heute, wo ein Großteil der angebotenen Krippensätze in Fernost gefertigt wird, hat sich die Anzahl der Figuren des Standardsatzes noch einmal reduziert. Zumeist kommt man mit der Familie, Ochs & Esel, einem Hirten, den 3 Weisen, einem Schaf sowie dem Gloriaengel aus und nur die allerwenigsten dieser Angebote lassen sich aus den Programmen der Anbieter heraus erweitern. Wer heute eine figurenreiche Krippe zusammentragen möchte, dem bleibt nur die Anschaffung von geschnitzten Figuren. Da diese Sätze auf Traditionen basieren, bieten sie noch viele verschiedene Figuren mit dem regionalen Bezug zur Bergheimat aus der sie meistens stammen. Neben der Familie und zahlreichen Hirtenmodellen, findet man themenbezogene Figuren, meist aus dem handwerklichen Bereich, wie z. B. "Schmiede", "Holzfällerei", "Zimmerei" usw. Mit entsprechenden Modellen von Wasserträgern und -holerinnen lassen sich aufwendige Brunnenszenen gestalten. Das größte Potential zur Ausschmückung bietet jedoch der Königszug. So können die Weisen neben ihren Reit- und Lasttieren, Treibern und Pagen auch Haustiere mit sich führen. Dabei sind jedem der Weisen traditionell entsprechende Begleiter zugeordnet: Caspar, der Mohr reist mit Kamel(en), Kamelfohlen, Treiber(n), Page, Sarazene und Gepard. Melchior, der Europäer zieht mit Pferd(en), Fohlen, Pferdeknecht(en), Page und Windhunden ein. Balthasar der Asiat hat sich mit Elefanten(en), Elefantenkalb, Mahut(s), Page und Pfau aufgemacht. Diese drei Unterabteilungen des großen Königszuges, lassen sich in der Szenerie einer Karwanserei, welche mit entsprechenden weiteren Figuren bevölkert ist, wunderbar zu einem figurenreichen Aufgebot in der Krippenlandschaft verbinden. Zur Abrundung des Gesamtbildes bieten sich Kleintiere wie Hausgeflügel, Katzen, Tauben, Raben, Nutzvieh oder Waldtiere an.


Weltkrieg: der zweite Weltkrieg und die entbehrungsreiche Zeit danach, markieren für die Gipsfigurenfabrikation Deutschlands einen entscheidenden Wendepunkt. Viele der ungezählten Betriebsstätten nahmen nach dem Kriege ihre Arbeit nicht wieder auf. Für andere veränderte sich die Geschäftstätigkeit grundlegend. Bei Schmidt & Heckner in Köln- Lindenthal etwa lagerte man Teile der Produktion aus. Die Fertigung dieser Figuren wurde an Kevelaerer Betriebe beauftragt und lediglich der Vertrieb noch in Eigenregie abgewickelt. Dennoch kam es auch in dieser Zeit noch zu vereinzelten Betriebsübernahmen durch den Sohn, wie bei Rabbels, oder zur Gründung neuer Firmen, so bei Klumpen. Der hart erarbeitete, steigende Wohlstand aber ließ sich die Bevölkerung  zunächst von einer Madonna aus minderwertigem Gipsmaterial und die herrschende Mode bald grundsätzlich von einer Madonnenfigur im Hause abwenden. Der Gipsfigurenbranche brachen so die Absatzmärkte weg, weshalb die meisten Betriebe die 1970er Jahre nicht mehr erleben durften. Butzon & Becker, Fritz Cox oder van Meegen aber sind Firmen, die heute noch mit den den früheren Sortimenten recht ähnlichen Angeboten  bestehen, nur vom Gips hat man sich dort endgültig verabschiedet. 

 

Xbeliebig: derartig und damit als wertlos, werden Gipsfiguren häufig angesehen und landen noch heute regelmäßig auf dem Müll. Nun darf man sich nichts vormachen: Alle Gipsfabrikanten hatten die gängigen Motive wie Herz Jesu, Herz Maria usw. im Sortiment. Viele dieser Figuren sind bis heute in mehr oder minder brauchbarem Zustand erhalten, quasi „an jeder Ecke“ zu haben und deshalb mit wenigen Ausnahmen praktisch wertlos. Anders verhält es sich mit selteneren Motiven wie „Auferstehung Christi“, „Der gute Hirt“, „Deger- Madonna“, „Pieta“, „hl. Antonius“ und anderen. Diese Figuren sind vergleichsweise selten erhalten und damit etwas besser dotiert. Ganz anders verhält es sich mit Krippenfiguren aus Gips. Für diese gibt es einen regelrechten Sammlermarkt, wodurch die Preise auf höherem Niveau angesiedelt sind. Häufig trifft man aber auch auf weit überspannte Wertvorstellungen, weshalb es nichts schadet Rat einzuholen, bevor man schlicht über Wert bezahlt. Zudem sollte man alles daransetzen die im Zusammenhang mit der Figur gemachten Angaben zu überprüfen, vor allem was das vorgegebene Alter angeht. Man muss immer im Auge haben, dass die Figuren eines Tages  wieder veräußert werden könnten. Was wenn sich die Angaben dann als unhaltbar herausstellen und der Wert sich damit empfindlich nach unten reguliert? Als Besitzer eines solchen (Erb)stückes sollte man ebenso auf der Hut sein. Es gibt   viele Sammler, die sich die Unwissenheit der Leute zunutze machen, um möglichst billig an die Figuren heranzukommen. Die Masche ist meistens die, mit fadenscheinigen Argumenten, die dem Unkundigen allemal einleuchten, die Wertigkeit soweit herunterzuspielen, dass man direkt froh sein muss, wenn dieser Interessent 50,00 € oder 70,00 € dafür gibt. Darum: nie überstürzt handeln, gut abwägen und sich Rat einholen. 

   

Yoshua: ist die hebräische Form des lateinischen Namen Jesus. Jesus, im Glauben als Sohn Gottes Sohn und Heiland verehrt, ist neben Gott, die zentrale Gestalt der christlichen Glaubensrichtungen. So sollte man meinen, dass er auch für die Gipsfigurenbranche die zentrale Rolle gespielt hat. Und tatsächlich: die Motive „Herz Jesu“, „Der gute Hirt“, „Auferstehung“, „Pieta“, „Kreuzabnahme“ sowie etliche andere sind dem Messias gewidmet und zeugen von einer verbreiteten Verehrung. Aber war Jesus, die unterschiedlichen Motive zusammengenommen, auch die beliebteste, also absatzstärkste Gipsfigur? Nein, denn was die Beliebtheit angeht, muss er sich seinem Ziehvater geschlagen geben. Tatsächlich waren Figuren dieses hl. Josefs beliebter als die aller anderen Heiligen. Besonders nachdem die Katholische Kirche den hl. Josef zu ihrem Schutzpatron ausgerufen hatte, nahmen die Bedeutung dieser biblischen Gestalt und damit der Absatz ihres gipsernen Abbildes rasant zu.



Zweites Vatikanisches Konzil: von Papst Johannes XXIII einberufene und nach dessen Tod von Papst Paul IV weitergeführte Zusammenkunft der weltweit wichtigsten Kirchen- und Glaubensvertreter. Das Ziel waren Austausch und Beschlussfassung zu vielen Themen rund um Ausrichtung und Erneuerung der Amtskirche. Das Konzil dauerte, um ein paar Wochen, mehr als 3 Jahre- von 1962 bis 1965. Zu den Beschlüssen dieses Konzils gehörte auch die bei den Katholiken verbreitete, einem Aberglauben ähnelnde, Heiligenverehrung einzudämmen. Dazu wurde beschlossen die Kircheninnenräume zu entstauben und zu versachlichen, um die Gläubigen zum Wesentlichen im Glauben zurückzuholen. Der Umsetzung dieses Zieles fielen in der Praxis ungezählte Gipsfiguren aus Kirchen, öffentlichen Einrichtungen und Privathaushalten zum Opfer. Da sich die Verehrung auf Gott, Jesus und die Gottesmutter konzentrieren sollte, wurden die Bildnisse weiterer Heiliger überflüssig. So wurden vielerorts die lebensgroßen Heiligenfiguren aus den Kirchen verbannt und vernichtet. Dass unter diesen Umständen mit lukrativen Aufträgen für die Inneneinrichtung von Gotteshäusern kaum noch zu rechnen war, bedeutete für viele Gipsfabrikanten die Nachfolge nicht mehr regeln zu können, da sich schlichtweg keine Interessenten finden ließen. Viele Nachfahren der Gipsfabrikanten sehen deshalb im 2. Vatikanischen Konzil nicht den alleinigen aber doch einen entscheidenden Grund für den Untergang der Branche.

 

Quellen: "Gipsgießer und Polychromeure in Kevelaer" by Peter Lingens; Gisela Boost; Wikipedia; Niederrheinisches Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte e. V. Kevelaer; Privatarchive; Private Korrespondenz; Eigenrecherche

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