*Die so genannte "Musikanten Krippe" ist eine lebende Legende oder wie ich gerne sage "die blaue Mauritius" unter den Gipskrippen (zumindest auf solche von Schmidt & Heckner bezogen). In der gesamten zeitgenössischen Krippenliteratur ist von dieser Krippe lediglich ein einziges Foto überliefert. Als noch seltener dürfte nur die "Düsseldorfer Krippe" des Deutschen Kunsthauses, Düsseldorf angesehen werden.

 

Da anders als bei vielen weiteren Anbietern, von Schmidt & Heckner keinerlei Kataloge überliefert sind, kennt man zu diesem Krippensatz nur sehr wenige Fakten.

 

So ist nicht bekannt, ob der Satz tatsächlich unter der Bezeichnung "Musikanten Krippe" firmierte oder diese nur als Ableitung aus der außergewöhnlichen Sortierung entstanden ist. Wenn es der Sortierung nach geht, hätte daraus nämlich auch ein Handelsname wie "Kinder Krippe" oder ähnliches gefolgert werden können. Darüber hinaus ist nicht bekannt wie viele Modelle grundsätzlich zu dieser Serie gefertigt wurden und ob und wenn ja, welche Tiere von Schmidt & Heckner zu dieser Krippe hinzusortiert wurden. Fraglich ist auch, ob es über die bekannten Figuren hinaus, nicht auch Könige, in Form kleiner Prnzen etwa oder einen Gloriaengel gegeben haben könnte. Darüber hinaus fehlen Kenntnisse dazu, ob die Krippe auch in anderen Kollektionsgrößen angeboten wurde und wie viel der Satz in den jeweiligen Ausführungen gekostet hat.

 

Wenden wir uns aber dem zu, was wir wissen: Die "Musikanten Krippe" ist ein Satz, der abgesehen von der hl. Familie, keines der traditionellen Modelle in einer Krippe beeinhaltet. Anstatt Hirten und Königen, kommen allein Kinder unterschiedlicher Altersstufen an die Krippe. Überliefert sind: ein Hornbläser mit Zipfelmütze, ein Ziehharmonikerspieler, ein kniender Flötist mit Sepplhut, ein auf einem bepackten Eselchen reitender Knabe, ein kleines Mädchen mit rotem Ball / Apfel & Puppe, ein älteres Mädchen mit Kiepe, Handkorb & Seitenschaf sowie ein weiterer Bub, dessen Attribute nicht bekannt sind, da er auf der einzigen bekannten Fotografie, verdeckt steht. Da einige der Kinder Instrumente spielen, bzw. mit sich führen, kam es wohl zu der Bezeichnung "Musikanten Krippe". Allen diesen Kinderfiguren gemeinsam ist, dass sie in Anlehnung an die ab 1935 nach Zeichnungen der Nonne Bertha Hummel, von der Porzellanmanufaktur Goebel, aus Steinzeug gefertigten HUMMEL Figuren, geschaffen worden sind. Diese HUMMEL Figuren wurden außer von Goebel aus Steinzeug, per Lizenz auch in Kevelaer aus Gips (nach)gegossen und sogar im Westerwald aus Keramik gebrannt. Die Verwendung der HUMMEL Figuren als Vorbild für eigene Interpretationen, lag der Gipsfigurenindustrie, welche ansonsten andere Genres bediente, also nicht allzu fern. Selbstredend haben die Modelleure keines der HUMMEL Modelle 1:1 kopiert, sondern von diesen inspiriert, eigene Figuren geschaffen. In dem Buch "Krippenkunst", welches sich u. a. auch mit der "Musikanten Krippe" befasst, wird angegeben, dass sich auf dem Ziehharmonikerspieler der (angebliche) Modelleur dieser Figuren mit "Chr. Steindl" verweigt hat. Da dieses Buch aber im Bezug auf die "Musikanten Krippe", die Figuren anderer Anbieter und Gipsfiguren im Allgemeinen schlecht recherchiert ist und voller volkstümlichem Unwissen steckt, das als Fakten verkauft wird, möchte ich diese Angabe nicht als verifizierten Fakt, sondern als  zitierte Zusatzinfomation verstanden  wissen. Man müsste ggf prüfen, was es mit dem Namenszug im Zusammenhang mit den Figuren auf sich hat.

 

Die Modelle der "Musikanten Krippe" sind bis 20 cm hoch (Josef) und die Ausformung der einzelnen Modelle ist detailreich und bis in die Einzelheiten hinein exakt vorgenommen worden. Zusätzlich hat man die Stücke in einer alten, sehr aufwändigen Technik polychromiert. Wiederum das Buch "Krippenkunst" gibt an, der weiche Farbverlauf bei diesen Figuren sei durch den Einsatz von Sprühpistolen erreicht worden. Zwar zeitigt der Einsatz von Sprühpistolen tatsächlich weiche Farbverläufe, dennoch kamen keine dieser Geräte in diesem Fall zum Einsatz. Die Figuren der "Musikanten Krippe" wurden nass- in- nass bemalt. Dazu wird auf die getrocknete Grundierung zunächst ein Grundton aufgetragen, in welchen anschließend - ohne Trocknungsphase - mindestens ein weiterer abgestufter Ton der selben Farbe, hinein vermalt wird. Dieses Verfahren ist materialintensiv und verlangt Erfahrung sowie Können, weshalb es eher selten zum Einsatz gekommen ist. Vermutlich wurde das Verfahren hier angewendet, um den Vorbildern aus Feinsteinzeug auch in der Colorierung nahe zu kommen...?

 

Die hier gezeigten Figuren hat die leidenschaftlichen Gipskrippenfiguren- Sammlerin Carolin Heller "irgendwo ausgegraben". Mit nur 4 Kindern ist der Satz gesichert als unvollständig anzusehen. Der Fundzustand war leider sehr schlecht: abgeschlagene Hände, die teilweise nur rudimentär, noch vorhanden waren, abgeschlagene, wackelnde und schief wiederangesetzte Köpfe, fehlende Teile, mehrfach durchbrochene Figuren, unzählige Macken mit Materialverlusten auch in kleinsten Details und unsachgemäße Reparaturversuche soweit das Auge reichte. In diesem desolaten Zustand wurden mir die Figuren zur Restaurierung anvertraut. Die Arbeiten verlangten neben viel Zeit, alles an Können und Fingerspitzengefühl, um die mannigfaltig ausgeprägten Beschädigungen in der Substanz aufzuarbeiten, Abgeschlagenes wieder anzusetzen und misslungene Reparaturversuche zu korrigieren. Letztlich ging es darum die ungewöhnliche Polychromie perfekt zu ergänzen, was hier nur mit Geduld und entsprechender Erfahrung möglich war. So wurde Schrittchen für Schrittchen bei den meisten der Figuren eine völlige Wiederherstellung erreicht. Wenige andere tragen noch verdeckte Spuren ihrer wechselvollen und nun sich fortsetzenden Geschichte. Das Ergebnis der Restaurierung ist in den Fotos zu diesem Artikel dokumentiert. Ich habe die Figuren der "Musikanten Krippe" für die Fotos teilweise mit Tieren aus der 23 er SH "Orient Krippe" und dem Gloriaengel aus der SH "Kölner Krippe" ergänzt.

 

Die letzte der Abbildungen zeigt zum Abgleich das einzig bekannte Foto der "Musikanten Krippe" mit 3 weiteren Kinder Modellen. (Quelle: Krippenkunst; Kunstverlag Josef Fink)

 

*In meiner Jahrzehnte langen Praxis sind mir bisher lediglich 2 hl. Familien aus der "Musikanten Krippe" untergekommmen. Eine davon habe ich, noch ohne Wissen darüber, worum es sich handelte, im Rahmen eines zusammengewürfelten Konvoluts restauriert und weiter verkauft. Die zweite hl. Familie aus diesem Satz, befindet sich unrestauriert im Krippenmuseum Waldbreitbach. Die "Düsseldorfer Krippe" hatte ich 2004 für kurze Zeit als kompletten Satz in meiner Sammlung. Es handelt sich um sehr ungewöhnliche, ja beinahe ulkige Modelle, die ich seinerzeit nicht als dermaßen rar einzusortieren wusste. Seither sind mir bis auf sehr wenige Einzelfiguren in unterschiedlichen Konvoluten, keine weiteren Exemplare aus dieser Krippe mehr bekannt geworden. Im Gegensatz dazu sind unzählige Modelle vieler verschiedener Anbieter immer noch und immer, immer wieder zu finden, also ungleich häufiger anzutreffen. Das lässt auf eine auch heute noch entsprechend weitläufige Verbreitung schließen. Denken wir nur an Klassiker wie die SH "Orient Krippe", die DKH "Bethlehem Krippe", die diversen HvM Sätze, Figuren von Rabbels, Franz Wand und vielen, vielen anderen... 

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