Zum Vergleich mit den Figuren unter "GDK 20cm" stelle ich hier den kompletten Satz der Nazarener Krippe" aus einer anderen Zeit, von einem unbekannten Hersteller, vor. Auf den Hersteller zu kommen, sei gesagt, dass die Figuren ungemarkt sind. Lediglich auf der Rückseite des Jesuskindes ist eine leider mit Gips überwischte und daher unkenntliche Marke zu sehen. Den Hersteller ganzer Sätze nur über das Marken des Kindes kenntlich zu machen, ist ebenfalls eine alte Praxis aus Zeiten in welchen Produktpiraterie noch Utopie schien bzw. war. Diese Figuren stammen sicher aus dem 19. Jahrhundert- die von mir oft bescholtene (da in aller Regel aus der Luft gegriffene) Datierung "um 1880" ist hier erwiesenermaßen goldrichtig.

 

Denn die hier beschriebenen Figuren wurden nach uralten Modellen, die über Jahrzehnte hinweg von unterschiedlichen Gipsfigurenfabriken genutzt worden sind, gefertigt. Im Vergleich mit den GDK gemarkten Figuren fällt auf, dass die Modelle überarbeitet worden sind, was vor allem an der Figur des hl. Josefs festzumachen ist, die ein jüngeres Gesicht und lockiges Haar erhalten hat. Vielleicht ist das ursprüngliche Josefsmodell verloren gegangen oder wurde schlicht der Zeit angepasst? Der letzte Anbieter dieser Figuren war Heinrich Kerkhoff, Kevelaer (Marke HKk), der sie als "Orient Krippe" im Sortiment führte. Auch Kerkhoff hat den "neuen" Josef und darüber hinaus als einziger ein weiteres überarbeitetes Modell, das Kamel nämlich verwendet. Dem königlichen Reittier wurde die Schnauze gekürzt und gerundet (was Vorteile beim Gießen hatte). Die Satteldecke wurde derart umgearbeitet, dass sie jetzt beide Höcker bedeckte. Zusätzlich wurde eine weitere Decke mit Goldbefranselung unter die eigentliche "geschoben". Auf den Vergleichsfotos mit beiden Kamelen darauf, ist wunderbar abzulesen an welchen Stellen das ansonsten bis ins Detail selbe Modell modifiziert worden ist.

 

Der ganze Satz ist exemplarisch für den Nazarener Stil (weshalb ich diese Figuren so mag): die hl. Familie ist proportional zu den anderen Figuren größer gestaltet, wobei sich das wirklich riesige Jesuskind in der Relation zu den Eltern noch einmal deutlich absetzt. Auf diese Weise wurde damals die exponierte Stellung der hl. Familie bildhaft verdeutlicht. Die Hirten sind mit verklärenden Attributen ihres Standes wie nackten Füßen oder solchen in gebundenen Lumpen steckend, Hut, Hirtenstab, Flöte, Feldflasche und Fellapplikationen ausstaffiert worden. Ebenso verkörpern die drei Hirtenmodelle die Lebensalter des Menschen: sitzender Hirt = 20 Jahre, Lammträger = 40 Jahre, kniender Hirt = 60 Jahre. Die Gestaltung der 3 Weisen folgt ebensolchen Sterotypen des Nazarener Stils: der kniende König ist als typischer europäischer Herrscher mit prunkvoller Krone, Purpurmantel, Hermelinstola und Königskette dargstellt. Im Gegensatz dazu erscheinen der asiatische König sowie der Mohr im Gewand des Einheitsorientalismus, der ab Ende des 19. Jahrhundetts in der religiösen Volkskunst wie im Kunstdesign um sich zu greifen begann und entsprechende Spuren hinterließ. Die Staffage des Kameltreibers ist ebenfalls von diesem Orientalismus beeinflusst. Der Treiber und sein Kamel sind im Übrigen proportional zu den anderen Figuren kleiner gehalten, was der Tatsache geschuldet ist, dass die beiden bloß Erfindungen der Gipsfigurenindustrie und somit nur "Beiwerk am Rande" sind. Wie die Hirten auch, versinnbildlichen die Weisen althergebrachter Symbolik folgend ebenfalls die menschlichen Lebensalter: jedoch wurden Balthasar (eigentlich 40 jahre) und Melchior (eigentlich 60 Jahre) vertauscht, während Caspar ganz klassisch auch hier der Jüngste ist. Der Engel mit seinen weniger heroischen als matronenhaften Zügen scheint in seinen ihn verhüllenden wallenden Gewändern, tatsächlich im Moment aus einem schwülstigen Natarener- Schinken entschwebt zu sein.

 

Letztlich bleibt zu erwähnen, dass auch die Farbensprache akkurat umgesetzt worden ist: Maria in blau und rot (für Treue und Liebe), Josef in erdfarbenem braun und lila, die Hirten in naturverbundenen, gedeckten Tönen sowie die Weisen in zum Teil exotisch bunter Gewändung- alles klassisch in reichlich patinierten, satten Farbtönen, eben jener Ausführung der Polychromie, die unter "hochfein antik" fimierte. Aus Respekt vor dem hohen Alter der Figuren und dem im Verhältnis dazu sehr guten Erhaltungszustand Rechnung tragend, habe ich diese Stücke nicht restauriert.

Guido H. Espers Krippenkabinett | Weihnachtskrippen | Krippenfiguren | Gipsfiguren