Die an dieser Stelle vorgestellten Figuren fallen etwas aus dem Rahmen, da sie nicht aus Gips sondern so genannter "Terracotta" gefertigt wurden. Hersteller ist die Figurenfabrik des Emil Göbel, den es im 2. Weltkrieg von Düsseldorf nach Drolshagen im Sauerland verschlagen hat. Alle Infos zum Herstellerbetrieb und dem Material "Terracotta" sind im Lexikon unter den entsprechenden Stichworten zu finden. Diese Modelle wurden von Willi Winning entworfen, einem Modelleur, der auch im Zusammen- hang mit anderen Figurenfabriken, nicht zuletzt seiner eigenen, im Krippenkabinett "allgegenwärtig" ist. Der Satz wurde von Göbel als "Krippe von W. Winning" in den Katalogen gelistet.

 

Alle Emil Göbel Figuren aus "Terracotta" sind Nachkriegsprodukte und daher vom Alter nicht als "antik" einzustufen. Als "antike" Krippenfiguren aus Gips, Terracotta und den diversen Massen werden nur solche angesehen, die v o r 1945 gefertigt worden sind. Die Betriebsgründung im Sauerland fällt aber  in die Zeit nach dem überstandenen Krieg. Obwohl Emil Göbel wie kein zweiter Fabrikant, seinen Schwerpunkt in der Herstellung von "Terracotta" Figuren setzte, fertigte er selbstverständlich seine Modelle auch in Gips. Von diesen Gipsfiguren sind nur sehr wenige erhalten, was daher rühren könnte, dass sie weitaus seltener aber vor allem auch viel vergänglicher, als die haltbareren "Terracotta" Figuren waren. Emil Göbel steht in der Industrie der fabrikmäßigen Kirchlichen Kunst unangefochten für die Produktion von "Tonfiguren", war im Vergleich zu den Branchenriesen aber kein wirklich bedeutender Hersteller. Der hier besprochene Figurensatz "Krippe von W. Winning" war der Bestseller von Emil Göbel und wurde in 4 Größen hergestellt: 13, 18, 27 und 42 cm. Obwohl auch bis zu lebensgroße Figuren aus Gips alles andere als leicht und handlich waren, limitierte das Material "Terracotta" aber die Kollektionsgröße aufgrund der spezifischen Herstellungstechniken sowie des höheren Gewichtes.

 

Eine, neben dem Material, weitere Besonderheit in diesem Figurensatz ist die Tatsache, dass er um eine Verkündigungs- gruppe ergänzt worden ist. Verkündi- gungsgruppen waren niemals den Standardsätzen aus bis zu 20 Teilen zusortiert, sondern wurden separat über das Zusatzsortiment vertrieben. In den Zusatzsortimenten jener Tage fanden sich neben diversen Figuren vor allem Krippenställe, Brunnen, Stege, Lagerfeuer, Felspapier, Kometen, Hintergründe, Missionsspardosen usw.. Eine Verkündigungsgruppe zeigt den Erzengel Gabriel, der 3 Hirten die Frohe Botschaft von der Geburt Jesu überbringt. Während der auf Felsenuntergrund stehende Engel mit erhobenem Arm heroisch entrückt auftritt, sind die Hirten von der Erscheinung völlig überrumpelt und geblendet, weshalb sie überrascht, staunend und eingeschüchtert dargestellt sind. 

 

Obwohl der Satz durch die Ergänzung um die Verkündigungsgruppe und 6 weitere Schafe, sowie den guten Erhaltungszustand, jedem Krippenfreund etwas zu bieten hat, zeigen die Figuren an einigen Stellen doch material- typische Alterungsspuren. Während bei Gipsfiguren das Alter (in Tateinheit mit dem schieren Gebrauch) häufig zerbrochene Figuren oder abgebrochene Einzelteile zeitigte, blättert bei "Terracotta" Figuren ganz profan die Farbe ab. Obwohl die Gipsrohlinge mit einer Knochenleimmixtur gelöscht wurden, was die Oberfläche versiegelte, blieb der Gips doch ein leicht saugendes Material, welches der aufgetragenen Farbe einen guten Haftungsgrund bot. Das hart gebrannte Terracotta hingegen bietet keinen guten Haftungsgrund, so dass die dünn aufgetragene Farbschicht nach Jahren abzusplittern beginnt. Das reine Abblätterns der Polychromie findet man dagegen bei Gipsfiguren fast ausschließlich an Nachkriegsware, die anfänglich, aufgrund fehlender Routine, noch nicht ganz sachgemäß mit Sprühpistolen coloriert worden ist. Farbverluste bei antiken Gipsfiguren sind hingegen meistens auf andere Ursachen zurück zu führen.  

 

Neben dem Gebrauch hat vor allem der Modelleur, Willi Winning, seine Handschrift an den Figuren hinterlassen. Diese wirken in Mimik und Gestik introvertiert, ganz auf das überirdische Geschehen fokussiert. Auch Anleihen bzw. Parallelen zu anderen Krippenentwürfen Winnings sind unverkennbar. Die Haltung der Maria etwa, die für die rechte Seite an der Krippe ausmodelliert wurde, findet man auch in der "Melchior Krippe" (vgl. Kaleidoskop DKH Melchior), die Winning für das Deutsche Kunsthaus, Düsseldorf gestaltete. Den Josef mit der Laterne, linksseitig der Krippe ausgestaltet, ähnelt dem aus der "Gloria Krippe", die ebenfalls ein Winning Entwurf für das Deutsche Kunsthaus, Düsseldorf war. Das Kind auf dem erhöhten Barren, findet sich dieser Art auch in Winnings "Düsseldorfer Krippe", die abermals im regionalen Programm des Deutschen Kunsthauses geführt wurde. Weniger deutlich aber doch erkennbar, bleibt die Ähnlichkeit der Schafe dieses Emil Göbel Fabrikats zu jenen des Deutschen Kunsthauses.

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